So manches ländliche Brauchtum mag für uns Stadtbewohner etwas seltsam anmuten. Dabei wird oft übersehen, dass solche Veranstaltungen identitätsstiftend für die Bevölkerung sind, das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken und durch die Regelmässigkeit innerhalb des Jahreskreises einen gewissen Halt geben.

Ein Beispiel für eine derartige Brauchtumsveranstaltung ist das Kirchleintragen (auch „Ante Pante“ genannt) in Bad Eisenkappel (slowenisch: Železna Kapla), das alljährlich am Vorabend des 2. Februar („Maria Lichtmess“ oder das Fest „Darstellung des Herrn“) stattfindet. Dieser Brauch geht auf das Jahr 1180 zurück. Der Überlieferung nach soll der ganze Ort bis auf die Kirche Maria Dorn überschwemmt worden sein. Das Hochwasser ging angeblich erst zurück, nachdem die Bewohner eine Nachbildung der Kirche gebaut und den Fluten geopfert hatten.

Das Fest beginnt vor der alten Volksschule in Bad Eisenkappel. Wir befanden uns gleich mitten drinnen zwischen den kleinen, rot-weißen, mit Kerzen von innen beleuchteten und auf Stäben getragenen Kirchen, die bereits von den Kindergarten-Kindern gebastelt werden.
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Für die große Kirche sind die Schüler der Hauptschule verantwortlich.
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So gegen 18 Uhr wurde diese Kirche von vier Burschen angehoben, aus allen Richtungen ertönte der Ante-Pante-Spruch und der Zug mit der großen Kirche an der Spitze und den vielen kleinen Kirchlein hintendrein setzte sich in Bewegung.
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Der Ante-Pante-Spruch war für uns nicht zu verstehen, da wir weder des Lateinischen noch des Slowenischen mächtig sind. Die Kinder diskutierten daher darüber, was wohl die Tante Eleonore mit dem Bratenzwieben anstellen mag. Korrekt lautet der Spruch: „Ante pante populore, kocle vrate cvilelore.“ Der erste Teil ist eine Verstümmelung des Verses aus dem Lukas-Evangelium „Ante faciem omnium populorum“, der zur Liturgie der Maria-Lichtmess-Feier gehört. Der zweite Teil entstand erst im Jahr 1854, um scherzhaft auf die quietschende Haustür beim Haus Kocel hinzuweisen. Das Haus gibt es nicht mehr (an seiner Stelle steht heute das Hotel Obir), der Spruch blieb.

Nach einem kurzen Weg über den Hauptplatz des Ortes erreichten wir den Vorplatz der Kirche, wo der Pfarrer eine Andacht in den zwei Sprachen Deutsch und Slowenisch hielt. Obwohl wir den zweiten Teil nicht verstanden, war für uns faszinierend, wie selbstverständlich das Miteinander zweier Volksgruppen gelebt werden kann.
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Daran anschließend bewegte sich der Zug weiter die Hauptstraße entlang, bis die Brücke über die Vellach (slowenisch: Bela) erreicht war. Dort fand der Höhepunkt und zugleich Abschluss des Festes statt. Die kleinen Kirchlein wurden von den Stäben genommen und auf das Wasser gesetzt. Manche tanzten über die Wellen, andere blieben am Ufer oder an Steinen hängen und wieder andere wurden bald ein Opfer des Nass, gingen unter und lösten sich in ihre Bestandteile auf.
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Das Ufer des Baches wurde durch einen Schweinwerfer der Feuerwehr ausgeleuchtet. Die besten Beobachtungsplätze waren allerdings durch den für dessen Betrieb benötigten Dieselgenerator etwas beeinträchtigt. Trotzdem hatten wir einen großen Spaß an dem Schicksal der Kirchlein. Am Heimweg fand unser Jüngster dann noch eine Erklärung für das Wort „paradox“: Paradox ist, wenn man um die Verschonung vor Hochwasser bittet, indem man eine Kirche ins Wasser versenkt.

Quellen (abgerufen am 08. Februar 2017):
Gemeinde Bad Eisenkappel
Katholische Kirche Kärnten

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