Die großen Erdbeben in Friaul im Jahr 1976 sind vielen Kärntnern noch im Gedächtnis. Plötzlich waren solche Naturkatastrophen nicht mehr weit weg – wie Japan oder Kalifornien – sondern quasi vor der Haustür. Die Beben waren auch bei uns zu spüren, besonders im Gailtal traten Schäden an den Häusern auf (z.B. herabstürzende Kamine, geborstene Fließen). Noch lange Zeit danach wurde die Fahrt ans Meer durch die Notunterkünfte am Straßenrand und das Wissen um das damit verbundene Leid getrübt.

Diese Geschehnisse im Hinterkopf besuchten wir Venzone, ein kleiner, malerischer Ort, der wie kein zweiter als Symbol für Zerstörung und Auferstehung aus den Trümmern gilt. Wir verließen die Autobahn bei der Ausfahrt Carnia und folgten immer den Wegweisern auf der Bundestraße Richtung Udine. Zweigt man beim Ortschild links ab, gelangt man direkt zu den Parkmöglichkeiten auf beiden Seiten der Straße nach der Brücke. Wir fuhren aber die Bundesstraße geradeaus weiter, um nach einer unübersichtlichen Linkskurve direkt bei der Stadtmauer links abzubiegen. Die Einfahrt durch das Tor ist verboten, vor der Stadtmauer gibt es aber einige Parkplätze. Bei unseren Besuchen war dort immer etwas frei, an stark frequentierten Tagen ist jedoch die beschriebene Variante an der Nordeinfahrt zu empfehlen.

Die mittelalterliche Stadtmauer mit dem Blick auf den Dom ließ uns sofort erkennen, warum Venzone zur Vereinigung der schönsten Städte Italiens gehört. Unmittelbar hinter dem Durchgang wurde uns aber bereits wieder ein wenig schwer ums Herz. Auf der linken Seite sind die Reste der Kirche San Giovanni Battista zu sehen, die nach dem Erdbeben nicht wieder aufgebaut wurde.

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Wir wollten nun mehr über dieses Ereignis erfahren und gingen geradeaus weiter zum Hauptplatz, dessen Mitte ein Straßenzug kreuzt. Links hinein in die Via Mistruzzi befindet sich bald danach auf der rechten Seite das Museum „Tiere Motus“ (www.tieremotus.it). Dieses erzählt die Geschichte von Tod und Zerstörung durch die Erdbeben und dem Wiederaufbau. Die Beschreibungen sind zwar leider nur italienisch, die gezeigten Fotos und Filme sowie wackelnde Wände im letzten Raum sprechen aber für sich. Besonders die Farbbilder sind von so hoher Qualität, dass die Ereignisse plötzlich nicht mehr über 40 Jahre her erscheinen. Im Erdgeschoß des Museums wird in einem Vorführraum alle 15 Minuten die Simulation der Zerstörung des Doms gezeigt, besonders wirkungsvoll durch den begleitenden 3D-Sound.

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Tatsächlich gab es zwei größere Beben, die Venzone zerstörten. Das erste am 6. Mai 1976 hatte die Stärke zehn auf der Mercalliskala, forderte in Friaul fast 1000 Todesopfer und hinterließ ungefähr 45.000 Obdachlose. Die Schäden waren auch in Venzone gewaltig, trotzdem war zumindest der Dom noch als solcher erkennbar. Das schwerste Nachbeben am 15. September 1976 mit fast derselben Intensität wie das erste Beben ließ den Dom schließlich komplett einstürzen, fast ganz Venzone wurde endgültig vernichtet. In Friaul verloren weitere 30.000 Menschen ihr Zuhause. Wir lasen einen Spruch an den Wänden des Museums, der die Stimmungslage von damals verdeutlicht. Sinngemäß übersetzt lautet er: Das erste Beben veränderte Friaul, doch die Hoffnung blieb. Das zweite Beben veränderte die Friulaner, denn die Hoffnung starb.

Es ist für uns unvorstellbar, woher die Menschen die Kraft nahmen, weiterzumachen und ihre Städte wieder aufzubauen. In Venzone sind diese Anstrengungen deutlich sichtbar. Die Häuser wurden wieder aufgebaut, aber die nach den Erdbeben gebliebenen Mauerreste erhielten keinen Fassaden-Verputz mehr. So bekommen wir als Besucher eine Vorstellung, dass das nette Gässchen von heute damals eigentlich nicht mehr existierte.

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Bei genauerem Hinsehen erkannten wir an manchen Stellen Nummern auf den Mauersteinen. Das ist die Nummerierung jener Steine, die aus den Trümmern geborgen und an ihrem Originalplatz wieder eingesetzt werden konnten.

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Mit einer damals sehr fortschrittlichen Methode wurde versucht, auch den Dom so originalgetreu wie möglich wieder aufzubauen.

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Unsere mittlerweile geschulten Augen konnten im Inneren jene wenigen Stellen erkennen, die nach den Beben heil geblieben waren oder mit den Originalsteinen wiederaufgebaut werden konnten. Viele Teile des Doms waren jedoch unwiederbringlich verloren, verdeutlicht durch das glatte Mauerwerk.

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Im Eingangsbereich des Doms ist eine Fotodokumentation über dessen Zerstörungen zu finden. Beeindruckend ist auch die Holzskulptur von Franco Mascio mit dem Titel „Dal Profondo A Te Grido O Signore“ („Aus der Tiefe rufe ich zu dir, o Herr“, Psalm 129). Vielleicht ist der Glaube eine der Antworten auf unsere Frage, woher die Friulaner die Kraft für den Wiederaufbau hernahmen.

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Nach dem Verlassen der Kirche gingen wir direkt zum Baptisterium, der Kapelle San Michele. In deren Krypta sind fünf der Mumien von Venzone ausgestellt. Diese waren ursprünglich im Dom begraben, durch einen Schimmelpilzbefall trockneten die Körper so aus, dass der Verwesungsprozess gestoppt wurde. Der Zugang ist nur mit Hilfe von Jetons möglich, die zum Preis von 1,50 Euro pro Person in den umliegenden Geschäften oder Bars zu erwerben sind. Die Mumien stammten aus der Zeit zwischen dem 14. und dem 19. Jahrhundert. Im zuletzt genannten wurden sie vom Dom in das Baptisterium gebracht, wo sie bis zum Erdbeben im oberen Teil zu besichtigen waren. Nach der Zerstörung der Kapelle konnten fast alle Mumien unversehrt geborgen werden. Für viele galt dies als ein Wunder. Dies mag zwar angesichts des menschlichen Leids und der materiellen Verluste, die die Naturkatastrophe mit sich brachte, etwas deplatziert wirken. Aber genau solche Ereignisse dürften auch mitgespielt haben, dass die Hoffnung für einen Neuanfang wieder keimen konnte und die Bevölkerung die Kraft fand, ihre Orte nicht aufzugeben.

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Nach so viel bewegende Geschichte wollten wir noch den Ort auf uns wirken lassen. Am zentralen Platz ist eindeutig der venezianische Einfluss zu erkennen, vom Rathausturm schaut der Markuslöwe herunter und so manches Fenster hat die von Venedig bekannte Form.

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Ein weiterer Blickfang ist die den Ort umgebende Stadtmauer. Die Porta San Genesio im Osten stammt aus dem 14. Jahrhundert und ist das einzige Stadttor, das die Erdbeben unversehrt überstanden hat.

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Beim Bummel durch die Altstadt vielen uns ein paar violette Geschäfte auf. Beim Betreten des größten in der Via Mistruzzi stieg uns sofort der Duft nach Lavendel in die Nase. Eine spezielle Sorte dieser Pflanze wird seit ein paar Jahren in Friaul angepflanzt, aus der Idee einer Seifenherstellerin aus Venzone ist ein im wahrsten Sinne des Wortes blühendes Geschäft geworden. Hauptkunden sind klarerweise die zahlreichen Touristen, doch hatten wir den Eindruck, dass auch eine gewisse Leidenschaft in dem Projekt steckt. Die nette Verkäuferin im Hauptgeschäft, dessen Schwerpunkt auf Kosmetika und Dekoartikel liegt, führte uns bis in den zweiten Stock des Hauses, wo eine komplette Wohnung ganz in Violett dekoriert ist. Im zweiten Geschäft gegenüber dem Rathaus, das sich auf Lebensmittel spezialisiert hat, durften wir mit Lavendel geschmacksverstärkte Liköre, Schnäpse und Süssigkeiten kosten. Im dritten Geschäft vom zentralen Platz in Richtung Dom dreht sich alles um Keramik. Es gibt in Venzone noch ein viertes Lavendel-Geschäft, dieses hatte bei unserem Besuch aber gerade Mittagspause. Die für das Violett in Venzone verantwortliche Organisation (www.lavandadivenzone.it) betreut weitere Franchise-Geschäfte in anderen Ländern, eines befindet sich in der Villacher Wittmanngasse.

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Zum Abschluss unseres Venzone-Besuchs wagten wir noch die Überquerung der stark befahrenen Bundesstraße in der Nähe unseres Parkplatzes. Gleich nach der Unterführung der Eisenbahn ist rechter Hand ein kleiner Hügel mit Resten einer mittelalterlichen Burganlage. Von dort hatten wir einen wunderbaren Blick auf das kleine Städtchen, das uns zugleich berührte und verzauberte.

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