Udine gilt bei uns oft als Inbegriff für italienisches Essen und ausgedehnte Einkaufstouren. Dass die Stadt aber viel mehr zu bieten hat, wird bei einem Rundgang durch die Innenstadt deutlich. Mit dem Auto dorthin zu gelangen, kann für den einen oder anderen nicht Italien erprobten Autofahrer zu einem kleinen Abenteuer werden. Rund um die Altstadt führt ein Straßenring, dessen wichtigste Kreuzungen eigentlich mehrspurige Kreisverkehre mit ungewohnten Vorrangs- und Ampelregelungen sind. Wir hatten vor diesen immer viel Respekt und dort schon die eine oder andere brenzlige Situation erlebt. Seit dem Einsatz eines Navigationsgeräts, wodurch wir uns bereits bei der Annäherung an die Kreuzungen über deren Verlauf orientieren können, haben wir die Scheu davor verloren. Wir empfehlen als Ziel immer die Piazza Primo Maggio. Dieser Platz ist sehr zentral gelegen, die gesamte Innenstadt von Udine kann von dort bequem zu Fuß erkundet werden. Direkt am Platz befindet sich eine relativ neue, große und einladend gestaltete Parkgarage. Die Gebühr für die breiten Parkplätze ist mit 0,70 Euro pro Stunde für diese Lage sehr günstig (die Parkplätze an der Oberfläche direkt am Platz kosten mehr).

Wir ließen diesmal den Schlossberg und die verkehrsberuhigte Zone in der Innenstadt rechts liegen und gingen direkt zum Palazzo Patriarcale. Der Patriarchenpalast, wie der Name schon sagt Sitz der kirchlichen Fürsten von Aquileia und heute des Erzbischofs von Udine, befindet sich etwas abseits des Zentrums – und das hat seinen Grund: Nach 1420 hatten die Venezianer in Udine das Sagen, die Patriarchen mussten von ihrem angestammten Platz am Schlossberg weichen, verließen zunächst die Stadt und ließen sich nach ihrer Rückkehr 1593 damals noch außerhalb der Stadtmauern nieder. Der Palast in der heutigen Form geht auf das Bestreben des Patriarchen Dionisio Dolfin (1663 – 1734) zurück und beherbergt das Museo Diocesano e Gallerie del Tiepolo (www.musdioc-tiepolo.it).

Der Eingang zum Museum befindet sich im Tordurchgang auf der linken Seite. Nach dem Kassenbereich und einem kleinen Ausstellungsraum gelangten wir in das großzügige Treppenhaus.

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Das Deckenfresko wollen wir uns später noch genauer anschauen, zuerst betraten wir im ersten Stock den eigentlichen Museumsbereich. In diesem Teil sind religiöse Kunstwerke ausgestellt, wie sie in vielen Diözesanmuseen zu sehen sind. Interessant sind die einzelnen Säle, die unterschiedlichen Stilepochen gewidmet sind, welche sich anhand der gezeigten Figuren nachvollziehen lassen.

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Nach diesen Räumen bestiegen wir eine schmale Wendeltreppe, um im nächsten Stockwerk die von 1708 bis 1711 errichtete Bibliothek zu betreten.

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Welch ein Kontrast zu den bescheiden wirkenden Räumen des Diözesanmuseums! Die folgenden Prunkräume sind nach den dort vorherrschenden Farben benannt: „Sala azzurra“ (blau), „Sala gialla“ (gelb) und schließlich „Sala rossa“ (rot), der ehemalige Saal des kirchlichen Gerichts.

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Schließlich gelangten wir in den Thronsaal aus dem 17. Jahrhundert, dessen Wände 117 Portraits schmücken. Dargestellt ist die komplette Reihe kirchlicher Würdenträger, vom ersten Patriarchen von Aquileia bis zum letzten Erzbischof von Udine.

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Der wohl berühmteste Raum des Palastes ist über eine Ecke des Thronsaals zugänglich. Die „Galleria degli ospiti“ war der Warteraum für die Audienzen, die Wände sind verziert mit dem ersten großen Freskenzyklus von Giovanni Battista Tiepolo (1696 – 1770), einem der bedeutendsten venezianischen Maler seiner Zeit.

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Was wir nicht erkennen konnten: Wie kamen die Besucher in den Warteraum, ohne vorher den Thronsaal durchqueren zu müssen? Diese Frage blieb offen, als wir nach einem kurzen Blick in die vergleichsweise bescheiden ausgestattete Kapelle wieder das Treppenhaus betraten. Dieses Mal waren wir dem Deckenfresko sehr nahe, der „Engelssturz“ („La caduta degli angeli ribelli“) stammt ebenfalls von Tiepolo und gilt als dessen wichtigstes Frühwerk (gemalt noch vor den Fresken in der Gästegalerie). Direkt darunter befindet sich das Wappen der Familie des bereits erwähnten Patriarchen Dionisio Dolfin.

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Nach diesem kleinen aber feinen Museum genossen wir ein wenig die Siesta auf der Piazza della Libertà. Besonders an der Loggia del Lionello, dem ältesten Gebäude am Platz, ist der venezianische Einfluss deutlich erkennbar.

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Nicht weit davon entfernt tauchten wir in eine gänzlich andere Welt der Kunst ein. Die Casa Cavazzini beherbergt das Museo d’Arte Moderna e Contemporanea (www.civicimuseiudine.it/de/staedtischen-museen/casa-cavazzini). Bereits im Eingangsbereich des 2012 eröffneten und 3.500 Quadratmeter großen Museums empfing uns moderne Kunst in neu gestalteten Räumlichkeiten, wobei die sichtbaren Reste eines Kanalsystems uns sofort klar machten, dass das Haus selber viel älteren Ursprungs ist.

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Das Museum besteht aus mehreren Teilen und beschäftigt sich hauptsächlich mit italienischer Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts. Im Erdgeschoss ist Platz für wechselnde Sonderausstellungen, die aktuelle ist der realistischen Malerei gewidmet.

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Ein aufgrund der Architektur beeindruckender Raum ist die „Sala Claudio Mussato“, benannt nach dem ehemaligen Bürgermeister von Udine, der viel zum Entstehen des Museums beigetragen hat. Durch die Überdachung eines ehemaligen Innenhofes entstanden moderne Ausstellungsräume mit einem besonderen Flair.

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Nach dem Aufgang in den ersten Stock des Gebäudes gelangten wir zur ersten permanenten Ausstellung aus der Sammlung der „Galleria d’Arte Moderna“, gegründet 1885. Besonders lange blieben wir vor dem Werk „Trieste di notte“ („Triest bei Nacht“) von Glauco Cambon aus dem Jahr 1909 stehen.

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Auch moderne Skulpturen sind in dem Museum zu bewundern. Diese stammen vorwiegend von den Brüdern Mirko und Dino Basaldella. Die Präsentation ihrer Werke ist eine besondere Erwähnung wert. Die Fresken an den Wänden der Räumlichkeiten stammen aus der Zeit um 1350 und wirken aufgrund ihrer vereinfachten Darstellungen fast schon modern und somit zur Ausstellung passend. Über die Künstler ist nichts bekannt, es wird vermutet, dass für die Ausgestaltung Maler aus dem Norden engagiert wurden. Uns sind sofort die weißen Löcher in den Fresken aufgefallen. Diese stammen von den Renovierungsarbeiten. Die Arbeiter wussten nicht, dass sich hinter den Wänden, die sie abzuschlagen hatten, wertvolle Fresken befinden und beschädigten daher diese.

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Das Gebäude war fast 400 Jahre lang im Besitz der Familie Colombatti, bevor Dante Cavazzini Anfang des 20. Jahrhunderts Räumlichkeiten im Erdgeschoss für sein Stoffgeschäft pachtete und schließlich 1937 das gesamte Haus kaufte. Bad, Küche und Esszimmer in der von ihm danach eingerichteten Wohnung sind in ihrem damaligen Zustand zu sehen, die Fresken im Esszimmer stammen vom malenden Bruder der erwähnten Bildhauer, Afro Basaldella.

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Noch ein Stockwerk höher und wir befanden uns im nächsten großen Abschnitt mit Werken aus der Sammlung „Collezione di Maria Luisa e Sante Astaldi“. Das Ehepaar Astaldi kaufte Kunstwerke von den 30er- bis in die 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts und vermachte diese testamentarisch der Stadt Udine. Wir geben zu, in der italienischen Malkunst dieser Zeit nicht bewandert zu sein. Die Künstler der ausgestellten Werke konnten wir daher weniger erkennen, wohl aber Stilrichtungen die uns von anderen Künstlern wie beispielsweise Miró oder Picasso bekannt sind.

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Eine weitere Sonderausstellung widmete sich dem Frühwerk des italienischen Grafikers und Comiczeichners Lorenzo Mattotti, sehr ansprechend präsentiert.

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Den Abschluss des Rundgangs in der Casa Cavazzini bildete eine weitere permanente Ausstellung, „La collezione FRIAM di arte americana“. Zu unserer Überraschung ergab sich dadurch eine Verbindung zu dem Besuch in Venzone. Die Vereinigung FRIAM („Friul Arts and Monuments“) wurde nach den Erdbeben in Friaul 1976 gegründet. Die Idee war, dass mit Spenden von Kunstwerken amerikanischer Künstler und deren Versteigerung den Erdbebenopfern geholfen wird. Der damalige Bürgermeister von Udine setzte sich jedoch dafür ein, alle Kunstwerke zu erwerben und die Sammlung so in ihrer Gesamtheit zu erhalten. Somit entstand ein in dieser Form einmaliger Zusammenschluss amerikanischer Kunstwerke aus dem 20. Jahrhundert, in dem Künstler wie Willem de Koonig, Roy Liechtenstein und viele andere vertreten sind.

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Liebe Leserinnen und Leser, die Länge dieses Beitrags zeigt, wie beeindruckt wir von diesen zwei Museen waren. Diese sind jedoch nicht alles, was Udine zu bieten hat. So viel mehr gibt es dort zu sehen und zu bestaunen. Aber das ist eine andere Geschichte…

Quellen:
Evelyn Rupperti: Udine. Trends, Tajut und Tiepolo, Styria Regional Carinthia, 2013.
Homepage des Diözesanmuseums Udine
Casa Cavazzini auf der Homepage der städtischen Museen Udine
Vielen Dank an Vania Gransinigh, Leiterin der Casa Cavazzini, für den herzlichen Empfang und die Unterstützung bei unseren Recherchen!

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